Pierre Bourdieu et al. veröffentlichten 1993 das umfangreiche Werk mit einer Bestandsaufnahme des zunehmenden Elends (misère) in Frankreich und nennen es „misère du monde“, weil die Erscheinungsformen des Elends, das sie in französischen Vorstädten vorfinden, sich von denen an anderen Orten zwar unterscheiden, bei ähnlichen Rahmenbedingungen (diese ähneln denen bei uns wie in anderen Ländern durchaus) zu vergleichbaren Ergebnissen führen.
Die Vernachlässigung von Arbeitslosen, Jugendlichen, die keinen Berufseinstieg finden, die Ausgrenzung, der Abstieg, die Chancenlosigkeit in bestimmten Gruppen, entstanden aus dem Rückzug des Staates aus der Verantwortung, zunehmende Arbeitslosigkeit, gewandelte Produktionsformen, neue Formen prekärer Arbeit aber auch Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen – sei es im Schulsystem oder in der Landwirtschaft führt die Menschen ganzer Bezirke und Erwerbszweige ins soziale und kulturelle Abseits. Dadurch geprägt, berauben sie Jugendliche jeglicher realistischer Perspektive und Erwachsene stehen vor den Trümmern ihrer Werte und Anstrengungen für eine gelungenes Leben.
Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen, die der Staat den ausgesonderten Jugendlichen zur Seite stellt, kämpfen angesichts der Schwierigkeiten einen Kampf, der ihnen zunehmend vergeblich scheint. Einige Schulen werden zu Auffanglagern für Jugendliche ohne Hoffnung und sind nicht in der Lage, Kenntnisse zu vermitteln oder Abschlüsse zu ermöglichen, die eine Zukunftsperspektive bieten. Der daraus entstehende Mangel an Disziplin und die Gewalt an Schulen verändert die Rolle von (ehemals idealistischen) Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen. Sie werden zu einer Art Aufseher, wappnen sich gegen die Schüler*innen oder zerbrechen an der Aufgabe. Von den Schulbehörden haben sie keinerlei Unterstützung zu erwarten. Auch die hartgesotteneren unter ihnen halten das auf Dauer nicht durch.
Gewerkschaftsfunktionäre und betriebliche Aktivisten sehen in ihren Betrieben die zunehmenden Spaltung der Belgschaften und damit die schwindende Solidarität der Arbeiter untereinander. Diese Aktivisten standen für eine kämpferische solidarische Haltung bei Konflikten mit der Werksleitung und dringen jetzt mit ihrer Forderung nach Zusammenhalt nicht mehr durch.
Die über 40 Interviews mit einzelnen Personen, denen jeweils eine Einführung vorangestellt ist, ermöglichen es auch Nicht-Soziologen, zu „verstehen ohne zu urteilen“ – zu verstehen, dass man, wäre man an der Stelle des Interviewten, geprägt durch seine Geschichte innerhalb der bestehenden Strukturen so denken und handeln würde wie er.
Die gekürzte deutsche Übersetzung umfasst über 800 Seiten und kann bei uns ausgeliehen werden.
Eine weitere, etwas längere Besprechung finden Sie unter:
http://www.thomaslemkeweb.de/publikationen/rezensionen/Bourdieu.pdf