Das Jahr 1975 proklamiert die UNO als Jahr der Frau. Am 25. Februar kippt das Bundesverfassungsgericht, das von der sozialliberalen Koalition verabschiedete Gesetz zur Fristenlösung, das Abtreibung in den wärend der ersten 12 Wochen der Schwangerschaft erlaubt.
Im Februar besetzen badische und elsässische Umweltschützer das Baugelände für das geplante Atomkraftwerk in Wyhl. Die Polizei räumt.
Die Autokrise in den USA macht Detroit zur Arbeitslosenstadt. Afroamerikaner sind davon besonders betroffen. Unter ihnen steigt die Arbeitsosigkeit auf 40 Prozent.
Am 27. Februar wird Peter Lorenz der Spitzenkandidat der Berliner CDU von Terroristen des „2. Juni“ entführt. Er wird am 5. März, nachdem die Terroristen in den Jemen ausgeflogen wurden, freigelassen.
Im April überfallen deutsche Terroristen die deutsche Botschaft in Stockholm und werden von der schwedischen Polizei festgenommen.
Am 21. Mai beginnt der Bader-Meinhof-Prozess.
Die Kultusminister warnen vor dem Lehrerstudium es sollen ab 1976 nicht mehr alle Lehrer eingestellt werden.
Am 5. Juni stimmen die Briten mit 67,2 Prozent für den Verbleib in der EG (Europäische Gemeinschaft).
Nach der Nationalratswahl in Österreich kann der Bundeskanzler Bruno Kreisky mit seiner SPÖ weiterhin alleine regieren.
Franco stirbt am 20. November.Sein Nachfolger Juan Carlos leitet den Übergang von der Diktatur zur Demokratie ein.
Am 1. August wird in Helsinki die Schlussakte der KSZE-Konferenz (35 Staaten) unterzeichnet.
Vereinbart wird:
Souveräne Geichheit aller Staaten
Unverletzlichkeit der Grenzen
Friedliche Streitregelung
Nicheinmischung in innere Angelegenheiten
Achtung der Menschenrechte
Die Sowjeunion und die USA beginnen ein gemeinsames Raumfahrtprogramm. Die Raumschiffe Apollo und Sojus werden im All aneinandergekoppelt.
Ein schweres Erdbeben in der Türkei fordert mehr als 3000 Tote.
Im Libanon tobt der Bügerkrieg
Abkommen zur Unabhängigkeit Angolas unterzeichnet
In Bangladesh etabliert sich eine Diktatur
Der Iran kauft 13% der Aktien von PanAm
Im April erobern die Roten Khmer Pnom Phen
Sie kapern in der Folge auch ein US-Schiff
Am 30. April kapituliert Südvietnam
Indonesien besetzt portugiesisch-Timor
in Laos wird im Novmber die Volksrepublik ausgerufen.
Die spanische Kolonie West-Sahara wird unter Beteiligung von Marokko und Mauretanien verwaltet.
Der sozialliberalen Koalition gelingt es im Zeichen der Wirtschaftskrise nur noch wenige Reformvorhaben zu verwirklichen: Die Steuer- und Kindergeldreform zu Beginn des Jahres 1975 und eine Reihe von Rechtsvorschriften zum Arbeitsschutz wie das Arbeitssischerheitsgesetz und die Arbeitsstättenverordnung.
In der Bundesrepublik gibt es 1,18 Mio Arbeitslose.
Der DGB Bundeskongress 25. bis 30. Mai) beschließt sein Grundsatzprogramm von 1963 zu überarbeiten
In seiner Grundsatzrede betont der Vorsitzende Heinz Oskar Vetter: In unserer Satzung haben wir es uns zur Pflicht gemacht, für die Sicherung und den Ausbau des sozialen Rechtsstaates und für die weitere Demokratisierung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft einzutreten. (Prot. S. 180) […] Wir müssen der Motor des sozialen Fortschritts bleiben, der ins 21. Jahrhundert und nicht zurück ins 19. Jahrhundert führt! Wenn es nicht gelingt, das Recht auf Arbeit zu gewährleistenund die soziale Sicherheit vor einer rückschrittlichen Entwicklung zu bewahren, dann ist auf Dauer auch unsere Freiheit gefährdet. Das muss all jenen ins Stammbuch geschrieben werden, die kaltblütig mit einer Dauerarbeitslosigkeit kalkulieren und sogar den Abbau sozialer Leistungen in die Debatte werfen.“
Rheinland-Pfalz
Auf der 10. ordentlichen Landesbezirkskonferenz in Ludwigshafen Julius Lehlbach, der Landesbezirksvorsitzende in seiner Eröffnungsrede: „Die steigende Konzentration bedeutet wachsende wirtschaftliche Macht und diese wiederum bedeutet steigende politische Macht.“
Kontrolle und Demokratisierung der Wirtschaft sieht er deshalb als wichtige Aufgabe. Nach der Ölkrise gab es starke Preissteigerungen. In Rheinland-Pfalz ist die Arbeitslosigkeit überproportional hoch. Er verweist darauf, dass die Lohn- und Gehaltserhöhungen hoch genug sein müssen, um den privaten Verbrauch und damit die Binnenkonjunktur zu stabilisieren.
Bildung, politische Bildung und Demokratiebildung sind weitere Themen, die er anspricht.
Gastredner war Erhard Eppler zu ökologischen Fragen und zu den Grenzen des Wachstums. Er warnt vor der Rückkehr zum Protektionismus und den Rückfall in die Ideologien des 19. Jahrhunderts.
Das rheinland-pfälzische Bruttoinlandsprodukt sank 1975 um 3,7 Prozent. Die Beschäftigtenzahl in der Industrie sank um 6 Prozent.
Bei den Landtagswahlen am 5. März verteidigt Helmut Kohl (CDU) die absolute Mehrheit und kann weiterhin allein regieren.
Im September waren 15 Prozent der Jugendlichen in Rheinland-Pfalz arbeitslos. Die Zahl der Ausbildungsplätze vor allem im kaufmännischen Bereich ist seit 1970 erheblich gesunken.
Auch die Frauenarbeitslosigkeit ist in Rheinland-Pfalz überproportional gestiegen. Von den Beschäftigten in Rheinland-Pfalz waren rund 35 Prozent Frauen, ihr Anteil an den Arbeitslosen lag bei über 50 Prozent.
Am 18.10.1975 fand auf Landesbezirksebene eine Veranstaltung „Gleichberechtigung – Entwicklung – Frieden“ statt, an der über 800 Kolleginnen und Kollegen teilgenommen haben.
Aus den DGB-Kreisen:
Trier
Der DGB-Kreis Trier hat seine Zusammenarbeit mit der CGT Luxemburg weiter ausgebaut und eine Grenzgängersektion für Arbeitnehmer mitbegründet, die in Luxemburg arbeiten. Das Berufsfortbildungswerk spielt mit seinen Umschulungen insbesondere für Büroberufe eine wichtige Rolle. Die DGB-Gewerkschaften konnten im Berichtszeitraum von 1974 bis 1976 ihre Mitgliederzahl auf 27 336 Mitglieder steigern – trotz der wirtschaftlich schwierigen Situation in der Region. Die Rechtsstelle verzeichnet eine Zunahme von Verfahren wegen der Missachtung von Betriebsratsrechten. Insgesamt würdigt die Rechtsstelle die rechtlichen Verbesserungen für AN, neben dem Betriebsverfassungsgesetz (1972) hebt sie die Verbesserungen in der betrieblichen Altersversorung und durch das Konkursausfallgeldgesetz hervor.
Westpfalz
In die Region kommen täglich 1500 Elsässer zur Arbeit.
Seit 1970 sind 6000 Arbeitsplätze in der Schuhindustrie weggefallen. Nach wie vor sind in der Branche die Beschäftigten gut organisiert. 85 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind durch einen Betriebsrat vertreten.Der DGB fordert immer wieder eine offensive Strukturpolitik Der DGB RLP fordert, dass für die strukturschwache Westpfalz ein Sonderprogramm aufgelegt wird, um die Ausbildungs- und Einkommenschancen in der Region zu verbessern. Eine wichtige Rolle spielte in derRegion das DGB-Berufsbildungswerk. In den Kursen wurden Arbeitslose fortgebildet. Die Arbeitlosenquote lag 1975 durchgängig über 7 Prozent. Ein weiteres Problem, mit dem sich die Gewerkschaften in der Region auseinanderzusetzen hatten, war die ärztliche Versorgung. Sie schlugen zur Bekämpfung des Mangels Mietpraxen vor.
Worms-Alzey
Übre 20 000 Beschäftigte sind im Kreis gewerkschaftlich organisiert. Insgesamt gibt es im Landkreis über 41 000 Beschäftigte. In der Stadt Worms liegt die Arbeitlosenquote bei über 5 Prozent. Von den 2220 Beschäftigten ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sind 886 gewerkschaftlich organisiert.
Auf den Kreisdelegiertenkonferenzen ging es um eine gerechtere Ausstattung der verschiedenen Schulformen, um Schließzeiten der Kindergärten (Vereinbarkeit), um soziale Vergünstigungen für arbeitslose Jugendliche, insbesondere für Jugendliche, die keine Leistungen des Arbeitsamtes erhalten, um überbetriebliche Ausbildung, Berufsverbote und Einschränkung demokratischer Rechte in Betrieben und Dienststellen. Die Rechtstelle geht in ihrem Bericht auf die gestiegene Anzahl der Kündigungen durch schlechte Wirtschaftslage und Rationionalisierung ein. Auch die Zahl der Lohn- und Gehaltsstreitigkeiten ist gestiegen, weil die AG die Angst vor Arbeitlosigkeit nutzen würden, um den AN Grundrechte aus dem Arbeitverhältnis vorzuenthalten. Es gab auch einen Zuwachs an gerichtlichen Auseinandersetzungen in Unfallangelegenheiten. Die Rechtsstelle geht davon aus, dass es auf Grund des gestiegenen Leistungsdrucks zu mehr Arbeitsunfällen kommt. Auch gab es vermehrt gerichtliche Auseinandersetzungen die Höhe des Arbeitslosengeldes, der Arbeitslosenhilfe und die Sperrzeiten betreffend.
Südpfalz
Neben der Arbeitslosigkeit, insbesondere der Jugendarbeitslosigkeit und dem Mangel an Ausbildungsplätzen befasst sich der DGB intensiv mit der Gesundheitsversorgung in der Region, die Kostenentwicklung bei der Gesundheitsversorgung erscheint bedenklich. Die gestiegenen Pflegesätze in den Krankenhäusern wie die Verweildauer werden vom DGB genauer unter die Lupe genommen. Wegen steigender Krankenkassenbeiträge und der Kostensteigerungen im Gesundheitswesen hatten die Vertrauensleute in Betrieben wohl einige Diskussionen zu bestehen, ebenso die Vertreter*innen in den Selbstverwaltungsorganen.
Neuwied
Steigende Arbeitslosigkeit und die stark rückläufigen Ausbildungsplätze sind ein zentrales Thema für die Gewerkschaften in Neuwied. Im Dezember 1975 liegt die Arbeitslosenquote bei 6,1 Prozent. Auch die Zahl der Kurzarbeiter steigt. Der DGB-Kreisvorstand fordert, den Kreis Neuwied in die Wirtschaftsförderung miteinzubeziehen. Einige Betriebe gehen in Konkurs. Der DGB-Kreisvorstand fordert den Bau von überbetrieblichen Lehrwerkstätten im Kreis. Dennoch konnten die Mitgliederzahlen gesteigert werden.
Rhein-Lahn
Der Kreisvorstand befasst sich in seinen Sitzungen unter anderem mit den Folgen der Schließung der Schuhmaschinenfabrik (DVSG) in Nastätten, der Beseitigung eines Bahnübergangs in St. Goarshausen an der Bahnlinie Koblenz-Wiesbaden, mit den Folgen der Stillegung der Nassauischen Kleinbahn (Nastätten) und mit der Ansiedlung von cehmischen Werken in Miehlen und Nastätten. 1975 gingen in der Region 12 Betriebe in die Insolvenz. Im Mangel an Arbeits- und Ausbildungsplätzen in der Region sieht der Kreisvorstand die Gefahr, dass das Misstrauen gegenüber der Marktwirtschaft wächst. Im Rhein-Lahn-Kreis gibt es Ende 1975 1701 Arbeitslose, davon 199 Jugendliche. Es sind mehr junge Frauen als junge Männer betroffen. Der Landeskrankenhausplan gefährdet nach Auffassung des DGB die gesundhitliche Versorgung der für die Bewohner der Verbandsgemeinden Braubach, Hahnstätten, Katzenelnbogen und Nassau, weil kleine Krankenhäuser aus der Förderung durch das Land fallen.
Neustadt
Der Kreis Neustadt hatte im Jahr 1975 rund 11000 Mitglieder. Die Arbeitsrechtsfälle wurden beim Arbeitsgericht in Ludwigshafen verhandelt, die Sozialrechtsfälle beim Sozialgericht in Speyer.
Mayen-Ahrweiler und Mittelmosel
Im Bereich der Kreise waren über 14000 Beschäftigte Mitglied einer DGB-Gewerkschaft. Die Arbeitslosenzahl im Bereich des Arbeitsamtes Mayen lag zeitweise bei über 10 Prozent. Es gab einige Insolvenzen vor allem in der Bimsindustrie. Von den 183 Produktionsbetrieben 1973 waren 1975 noch 154 Betriebe übrig. 1973 arbeiteten 2780 Beschäftigte (602 Angestellte) in diesem Gewerbe 1975 waren es noch 1626 (471 Angestellte). Einer der stärksten Wirtschaftszweige war die Metallindustrie mit dem Werk der Fa. Rasselstein.
30 Prozent der Beschäftigten in der Region waren jedoch in Wirtschaftszweigen beschäftigt, die in dem konjunkturell eingebrochenen Baugewerbe gearbeitet oder diesem zugeliefert haben. Neben der Bimsindustrie gab es auch Schließungen im Holzgewerbe. Die Rechtsstelle konstatiert, dass in „im Zeichen der Rezession … Arbeitgeber ihren tarifvertraglichen oder privatrechtlichen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Die Arbeitnehmerschaft ist zum Teil eingeschüchtert, weil sie um ihren Arbeitsplatz bangt.“
Mainz-Bingen
Im DGB Kreis Mainz Bingen waren rund 45 000 Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert, trotz Rezession gab es einen kontinuierlichen Aufwärtstrend. In der Jugendarbeit werden die Aktivitäten der SDAJ, insbesondere in Nieder-Olm und in Bingen konstatiert. Die verstärkte Einbeziehung von Frauen in die Sozial- und Arbeitsgerichtsbarkeit ist ein Erfolg, den die DGB-Frauen sich auf die Fahnen schreiben. Sie sehen noch Nachholbedarf bei der Einbeziehung von Frauen in die Selbstverwaltungsorgane. Die Arbeitsmarktlage im gesamten Kreis ist vergleichsweise gut – mit einer Arbeitslosenquote unter 4 Prozent. Im Bereich der Arbeitsrechtsklagen verzeichnet der DGB-Kreisvorstand einen enormen Zuwachs. Er führt das auf die Arbeitsmarktlage zurück.